Wirtschaft

Deutschland wird zum Gründerland

Mit einem Kommentar von Oliver Schnepple Prokurist, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater

Das Kapital für innovative Start-ups hat sich 2021 auf 17,4 Milliarden Euro verdreifacht. Berlin und Bayern sind die Spitzenregionen

Mangel an Fachkräften, übertriebene Bürokratie, ungünstige steuerliche Regelungen – Deutschlands Gründer haben viele Anlässe, sich zu beklagen. Aber einen Grund können sie nicht mehr anführen: einen Mangel an Kapital. Zumindest, wenn ihr Unternehmen in der Digitalwirtschaft oder einem anderen innovativen Sektor unterwegs ist.

„Die Pandemie erweist sich immer mehr als Katalysator für einen regelrechten Start-up-Finanzierungsboom“

Im vergangenen Jahr haben innovative Neugründungen hierzulande insgesamt 17,4 Milliarden Euro Investitionen auf sich gezogen. In diesem Bereich ist es das höchste jemals verzeichnete Finanzierungsvolumen in Deutschland. Verglichen mit dem Vorjahr hat sich der investierte Betrag mehr als verdreifacht: Im Jahr 2020 hatten deutsche Jungunternehmen rund 5,3 Milliarden auf sich vereinigt. Die Befürchtungen der ersten Monate, dass Corona die Start-up-Aktivitäten einfrieren würde, hat sich jedoch nicht bestätigt. Im Gegenteil: „Die Pandemie erweist sich immer mehr als Katalysator für einen regelrechten Start-up-Finanzierungsboom“, sagt Thomas Prüver, Partner bei der EY. Die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft hat in ihrem Start-up-Barometer die wichtigsten Trends des Jahres 2021 ausgewertet.

Darin hat EY (Ernst & Young) die Finanzierung aller innovativen Jungunternehmen analysiert, die maximal zehn Jahre alt sind. Das Ergebnis: „Branchen- und standortübergreifend steigen die Investitionsaktivitäten. Das heißt: Immer mehr Start-ups kommen an frisches Geld“, sagt Prüver. Bei den Investitionssummen konstatieren die Experten sogar geradezu explosionsartige Zuwächse. Als Grund sehen sie ein neu entfachtes Interesse an „disruptiven“ Geschäftsmodellen, also Geschäftsmodellen, die einmal etabliert das Potenzial haben, sehr schnelles Wachstum zu generieren. Die gibt es vor allem im Technologiebereich, weshalb hier auch bei der Finanzierung die Musik spielt.

Die Berater weisen noch auf einen zweiten Aspekt hin, der ebenfalls zu der explosionsartigen Entwicklung beigetragen haben dürfte. Auf der Investorenseite herrscht akuter Anlagedruck. Nur wenige Anlageformen versprechen noch nennenswerte Renditen: Start-ups, die die Disruption einer ganzen Branche verheißen, gehören dazu. „Es ist viel Geld im Markt – das kommt den Erfolg versprechenden Jungunternehmen derzeit zugute“, erklärt Prüver.

Der Rendite-Hunger der Investoren spiegelt sich auch in der Zahl der Finanzierungen wider. In ihrem Barometer zählen die EY-Experten insgesamt 1160 Investitionen, oder 56 Prozent mehr als im Vorjahr. Das meiste Geld floss in junge Unternehmen aus den Bereichen Fintech, E-Commerce (Internethandel) und Software. Start-ups in diesen Branchen erhielten jeweils mehr als 3,5 Milliarden Euro. Und im Jahr 2021 gab es in Deutschland nicht weniger als acht Finanzierungsrunden im Volumen von mehr als 500 Millionen Euro, 2020 hatte es keine einzige in dieser Größenordnung gegeben. „Vor allem die Zahl der Großdeals mit einem Volumen von mehr als 100 Millionen Euro ist im Vergleich zum Vorjahr von acht auf 33 förmlich explodiert“, ergänzt der Experte.

Für die Risikokapitalgeber waren nicht wenige dieser frühen Investments in Start-ups hoch lukrativ. Einige der jungen Firmen konnten ihre Bewertung während des Jahres vervielfachen. Doch nicht alle Investoren machen gute Erfahrungen. „Häufig werden jetzt wohlhabende Privatpersonen von ihren Bankern angesprochen, ob sie nicht in dieses oder jenes Start-up oder Start-up-Fonds investieren wollten“, sagt der Venture-Kapital-Joachim Paech. „Jetzt will jeder bei diesem Spiel dabei sein.“ In gewisser Weise sei das ein Zeichen für eine späte Phase des Investitionszyklus. Ehe Banker ihre Risikoaversion überwinden, dauere es. Es gebe also Warnsignale, die auf Übertreibungen deuten.

Als kritischer Punkt erweist sich dabei der Börsengang. Sobald sich die Start-ups für einen größeren Kreis von Anlegern öffnen, wird der Unternehmung über den Aktienmarkt ein täglicher Marktpreis zugewiesen. Allerdings war der ursprüngliche Kurs, zu dem die Anteile zur Zeichnung angeboten wurden, in Deutschland 2021 offenbar meist übertrieben. Mehrere Monate später notieren die früheren Start-ups an der Börse deutlich niedriger als bei Ausgabe. So erging es Zeichnern der Auto1 Group, die Anfang Februar 2021 den Sprung aufs Parkett machten. Erstzeichner, die bis heute dabei geblieben sind, haben 55 Prozent ihres Einsatzes verloren. Nicht besser erging es Kleinaktionären von Mister Spex. Die Anteilscheine des Online-Optikers dümpeln heute bei 11,50 Euro vor sich hin. Anfang Juli 2021 waren sie bei 25 Euro ausgegeben worden. Auch der Hamburger Internet-Modehändler AboutYou, der ebenfalls im Sommer an die Börse ging, hat seine neuen Aktionäre nicht gerade reich gemacht. „Nach dem Börsengang stellt sich in Deutschland oft das Problem, dass es an Investoren mangelt, die bereit sind, länger dranzubleiben“, sagt Paech, der selbst junge Unternehmen bei ihren Börsenplänen berät und begleitet. Er empfiehlt vielen Start-ups inzwischen, ihr IPO in den USA zu machen. Dort säßen die Fonds oder Investoren mit dem längeren Atem.

Trotz dieser eher ernüchternden Erfahrungen mit den jüngsten Börsengängen aus Berlin bleibt die Hauptstadt Deutschlands unangefochtenes Start-up-Zentrum. EY zufolge gingen vergangenes Jahr 10,5 Milliarden Euro an Berliner Unternehmen, 2020 waren es erst 3,1 Milliarden Euro gewesen. „Damit vereinigte die Berliner Start-up-Szene 60 Prozent des insgesamt in Deutschland investierten Kapitals auf sich“, heißt es in dem Report. Bayern kommt (nach 1,5 Milliarden im Jahr 2020) auf 4,4 Milliarden im Vorjahr: Der Freistaat belegt mit einem Marktanteil von rund 26 Prozent den zweiten Platz. Dann jedoch kommt lange nichts. Die Lücke zu folgenden Bundesländern im Investitionsranking ist groß: An Start-ups in Baden-Württemberg flossen knapp 600 Millionen Euro. Neuunternehmungen in Nordrhein-Westfalen konnten nur 566 Millionen Euro auf sich ziehen, Hamburger Start-ups immerhin 459 Millionen Euro.

Die größte Transaktion in Deutschland fand im September statt und war eine Finanzspritze von 861 Millionen Euro für den Berliner Lieferdienst Gorillas, gefolgt von einer 830-Millionen-Euro-Investition in Celonis, einen Anbieter von Process-Mining Software in München. Dahinter folgen mit N26 und Trade Republic zwei Berliner FinTechs. Für Paech war 2021 ganz klar ein Wendejahr. „Wir haben endlich eine Start-up-Kultur in Deutschland. Insbesondere für junge Menschen gibt es jede Menge Möglichkeiten, etwas abseits der großen Konzernstrukturen auf die Beine zu stellen“, sagt er.

Quelle

DIE WELT 14.01.2022

5 Min.
Lesedauer vor 7 Monaten veröffentlicht

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