Wirtschaft

Jede zweite Firma weiß nicht, wie nachhaltig sie ist

Mit einem Kommentar von Oliver Tomasi Diplom Kaufmann

Oft ist Buchhaltung das Problem. Doch die Zeit drängt

Für die Erfüllung politischer Klimaziele steigt der Druck auf Firmen, ihrerseits nachhaltiger zu wirtschaften. Die Veränderung hat aber nicht nur mit den Produkten oder Dienstleistungen zu tun – sie muss auch in Kennzahlen offengelegt werden. Doch das ist ein Problem für die Hälfte der deutschen Unternehmen. Selbst wenn die betroffenen Firmen schon nachhaltig produzieren, sind sie oft nicht in der Lage, das in der Buchführung auch so auszuweisen.

Das hat die Unternehmensberatung Horváth in einer Umfrage unter 100 Finanzverantwortlichen von Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz herausgefunden, von denen 90 mehr als 100 Millionen Euro Umsatz pro Jahr machen. Am häufigsten seien es die Betriebskosten, an denen es hapere. „Die Unternehmen bekommen nachhaltige Betriebskosten auf Basis aktueller Buchungsdaten nicht im regulären Finanzreporting ausgewiesen und müssen sie somit separat manuell auslesen“, so die Studie. Das sei aufwendig und fehleranfällig. Und jeweils 40 Prozent der Unternehmen seien nicht in der Lage, die Nachhaltigkeitsanteile von Umsätzen sowie Investitionen im Rahmen ihres standardisierten Reportings zu ermitteln.

Doch die Zeit drängt: Durch die erweiterte CSR-Richtlinie – der Fachbegriff lautet Corporate Social Responsibility – , die ab 2024 für die Geschäftsberichte des Jahres 2023 in Kraft treten soll, sind auch große Unternehmen abseits der Aktienmärkte verpflichtet, über ihre Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit zu berichten. Für Finanzmarktteilnehmer ist das nichts Neues, denn sie müssen bereits seit März 2021 im Rahmen einer neuen ESG-Offenlegungsverordnung (für Umwelt-, Sozial- und Governancerisiken) detaillierte Nachhaltigkeitsinformationen zu einem Anlageprodukt vorweisen. Die Verordnung verschärft die Gangart seit dem Jahreswechsel: Nun sind auch Unternehmen, die Investoren suchen oder Kredite benötigen, zu mehr Transparenz in Sachen Nachhaltigkeit ihrer Geschäftsaktivitäten gezwungen.

Hinzu kommt auch noch der seit Januar geltende erste Teil der sogenannten EU-Taxonomie-Verordnung (AZ 2020/852), die kapitalmarktorientierte Unternehmen ebenfalls verpflichtet, über die ökologische Nachhaltigkeit ihrer Wirtschaftsaktivitäten Auskunft zu geben. Sie müssen ausweisen, welchen Anteil die ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeit an unternehmerischen Aktivitäten hat – zum Beispiel in Bezug auf Umsatzerlöse, Betriebskosten und Investitionsausgaben.

Wenn ein Unternehmensführer jetzt unbeteiligt mit der Schulter zuckt, dann sorgt womöglich der Hinweis des Bankenverbands für Klarheit: „In Europa sind 70 Prozent der Investitionen kreditfinanziert. Mit Investitionen von geschätzten 350 Milliarden Euro pro Jahr, die für den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft notwendig werden, geht es ohne die Banken einfach nicht“, sagt Torsten Jäger, Leiter Nachhaltigkeit des Bankenverbandes. Welche Bedeutung das Thema für den Finanzsektor mittlerweile habe, zeige auch die Umfrage, die der Verband im Vorjahr unter seinen Mitgliedsinstituten durchgeführt hat. Sie zeige deutlich, dass Nachhaltigkeit integraler Bestandteil des Kreditgeschäfts und Grundlage für Kundengespräche werde. „Es liegt dabei klar im Interesse der Banken, dass ihre Kunden auch in den nächsten Jahren über tragfähige Geschäftsmodelle verfügen“, so Jäger.

Und die Institute unterstützen den neuen Kurs. Die Bankenbranche lasse sich von der EU gern als Hebel einsetzen, um Nachhaltigkeitsziele in den Unternehmen zu erreichen, heißt es beim Bankenverband. „Wir Banken wollen treibende Kraft beim Kampf gegen den Klimawandel sein – ohne uns wird es nicht gehen“, sagt Christian Ossig, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes.

Die Sustainable-Finance-Agenda verursache für Unternehmen der Realwirtschaft jedoch einen steigenden Verwaltungsaufwand, erklärt die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Das passiere sowohl durch eine Ausweitung der direkten und indirekten Berichterstattungspflichten als auch durch die Notwendigkeit, Informationen an Kapitalgeber über die Nachhaltigkeit der wirtschaftlichen Tätigkeiten bereitzustellen.

„Für die Unternehmen ist es jetzt fünf vor zwölf“, sagt Jan Georg Sodies, Accounting-Experte bei Horváth. „Das Nachhaltigkeitsreporting wird künftig immer detaillierter und umfangreicher eingefordert. Wer die Erhebung der relevanten Kennzahlen nicht schon jetzt in die Standardprozesse einbindet, hat schnell einen unübersichtlichen, fehleranfälligen und ineffizienten Flickenteppich.“ Damit riskieren die Firmen Sodies zufolge auch Reputationsschäden, denn Kundschaft, Partner, Investoren und Stakeholder erwarten schon jetzt detaillierte, verlässliche Angaben zu Nachhaltigkeitsaktivitäten im Rahmen des regulären Reportings.

Für die Unternehmen ist es jetzt fünf vor zwölf Jan Georg Sodies, Accounting-Experte bei Horváth

 

Quelle

DIE WELT 20.01.2022

4 Min.
Lesedauer vor 7 Monaten veröffentlicht

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Oliver Tomasi Diplom Kaufmann

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